Greesberger
an Rosenmontag, 16.01.2010 Kölle
im Bützchenfieber |
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Der
Rosenmontag ist eine verhältnismäßig junge Erfindung,
1823 wurde in Köln der erste Rosenmontagszug veranstaltet. Vorher
waren der Dienstag als die "Nacht vor dem Beginn des Fastens"
und der Sonntag mehr vom Straßenkarneval geprägt. Die Wagen,
die bis heute häufig in Schiffsform gestaltet sind, gehen auf mittelalterliche
Vorstellungen des Narrenschiffs zurück, das ohne Mast, Segel und
Kompass seine Insassen ins Verderben fährt. Deshalb wurde das Narrenschiff
am Ende der Fastnacht an manchen Orten verbrannt. |
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Der
Karneval in Köln hat jedes Jahr mit dem Motto eine neue Überschrift.
So bekommt die gesamte Karnevalszeit (Session) und insbesondere der Rosenmontagszug
eine unverwechselbare Ausrichtung. „In Kölle jebützt“
war das Motto des Rosenmontagszugs 2010 in Köln. Frei übersetzt
könnte dies heißen „In Kölle geküsst“
– aber das ist so nicht zu verstehen. Ein Bützje ist kein wirklicher
Kuss. Rein körperlich ist es weniger- emotional drückt es ein
Gefühl der Herzlichkeit aus. Sich von jemanden oder etwas bützen
zu lassen, bedeutet Nähe und zeigt Zuneigung. Es geht um ein Gefühl,
das der Karneval verbreitet. Es geht um die Emotionalität dieser
Stadt, ihrer Menschen und der Traditionen, die hier gelebt werden. „In
Kölle jebützt“. Streng wissenschaftlich gesehen ersetzt
diese Tätigkeit Medizin, Psychotherapie und Diätratgeber in
einem. Bütze war immer. Aber schließlich hat das Festkomitee
die Steilvorlage mit dem Sessionsmotto selbst geliefert. Wie genau man
es mit dem Motto nahm, war freilich jedem selbst überlassen. Wer
bützt, muss sich der Tatsache bewusst sein, dass das Bützje
eben doch ein Kuss ist, wenn auch nur so ein kleiner. |
Karneval
ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – Millionen Euro werden in einer
Session in Nordrhein-Westfalen umgesetzt und viele Arbeitsplätze
hängen an der Narretei. Die Art des Feierns allerdings und die Identifikation
mit dem Karneval ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich.
Durch den Einsturz des Stadtarchivs veränderte sich der Zugweg des Rosenmontagszuges. Um die Stelle herum ging der Zug eine Umleitung und damit verlängerte sich der Weg um ungefähr 400 Meter. Das Festkomitee Kölner Karneval hatte erstmalig den kompletten Rosenmontagszug vermarktet. Dies betraf die Stände am Rande des Zugweges ebenso wie die Tribünen. Neue Tribünen gab es mitten auf dem Heumarkt. Ähnlich wie in einem römischen Kolosseum zog hier der Rosenmontagszug vorbei. Die Wartezeit wurde mit einer „Vür-dem-Zoch-Show“ verkürzt. Mittendrin statt daneben hieß es auch für die Menschen mit einer Behinderung. Allein zehn behinderte Kölnerinnen und Kölner aus dem Umkreis der Karnevalsgesellschaften waren aktiv am Rosenmontagszug beteiligt. Eröffnet
hatte die jecke Parade Marie-Luise Nikuta, die ihr Mottolied schmetterte
und anschließend auf dem Zugleiterwagen durch Köln fuhr. Die
Ratsbläser musizierten zur Zugeröffnung von allen Etagen der
Severinstorburg. Um 10:30 Uhr setzte sich der Zoch dann in Bewegung, mit
Blaskapellen und Trömmelchen, Reitercorps, Funkemariechen und Persiflagewagen.
D’r Zoch – einfach jeck. Fiere statt friere: Schnee und Kälte
wurden weggeschunkelt. Am sieben Kilometer langen Zugweg feierten 1,3
Millionen Jecke die knapp 12000 Zoch-Teilnehmer, fingen Kamelle und Strüßjer
und sangen sogar noch das Sönnchen herbei. Sie sahen einen Zoch,
der deutlich politischer war als früher üblich. Er war deutlich
bissiger als in der Vergangenheit. Der Rosenmontagszug selber bot wieder
ein buntes Bild und in den Persiflagewagen auch so manch jecken Seitenhieb.
Da wurde das Thema der „Stifter“ aufgegriffen, die „stiften
gehen“. Der Zoo, in diesem Jahr 150 Jahre alt, wurde mit einer Tier-Fuß-Gruppe
bedacht. Thematisiert wurden zudem die Radarkästen auf der Zoobrücke
unter dem Titel „Kölner Rotlicht- Millionen“. Oberbürgermeister
Jürgen Roters war als Herkules zu sehen, der den Stall der Stadt
ausmistet und Lukas Podolski küsste einen Frosch, der sich als Ronaldo
entpuppte. „Bützen geht nur in echt“- so wurde das Thema
virtuelle Welt verarbeitet. Einzug in den Rosenmontagszug fand zudem die
Hohenzollernbrücke mit ihren „Liebesschlössern“.
Natürlich wurde auch die Schweinegrippe und das Köln- Düsseldorfer-Verhältnis
thematisiert. Selbst Abwrackprämie und Gen- Kartoffeln, Bankenkrise,
Überschuldung, Sport- Wett- Skandal, Solidaritätsbeitrag, Elektroauto,
Klimaschutz, der Iran und der Irak, und die Annäherung von USA an
China hatte Zugleiter Christoph Kuckelkorn im Rosenmontagszug verarbeitet.
Die Wagen waren auffällig schön in diesem Jahr, die Motive toll
umgesetzt. Der Kölner Zoo feierte sein 150jähriges Bestehen,
und die Bläck Fööss, die auf einem eigenen Wagen mitfuhren,
begingen ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum. Der Festwagen
der Greesberger hatte den Titel „Das dicke Ende kommt noch“.
US- Präsident Barack Obama hatte sich als Cowboy in seinem „Fort
Schritt“ verschanzt, aber das Tor weit offen gelassen. Vermutlich
harmlos zog ein Perser ein hölzernes Pferd herbei und in dessen Bauch
ist wenig Friedliches. |
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Man vermutete als „Dickes Ende“ sogar eine iranische Atombombe mit zufällig rot-gelber Spitze. Und das Motto „In Kölle jebützt“ – das nahmen die Jecken genau: Die Karnevalisten auf ihren Prunkwagen warfen Kusshände in die jubelnde Menge, die Clowns und Teufelchen, Eisbären und kölsche Mädcher küssten sich warm. Die Greesberger zogen mit der Fußgruppe, dem prächtigen Reitercorps, einer Kutsche , der JTG und TG „Kölsche Greesberger“ sowie dem Festwagen in der Abteilung 36 in das karnevalistische Highlight der Session. In der Pferdekutsche saß unserer Reiterführer Jörg Herrmann, der diese Fahrt zu seinem 70. Geburtstag von seinem Reitercorps geschenkt bekommen hatte. Für die Musik sorgte der hessische Spielmanns- und Fanfarenzug TG Witzenhausen und der Musikverein Vrees e.V. aus Niedersachsen. Besonders stolz war das Festkomitee Kölner Karneval auf den neuen Prinzenwagen, der sich nicht nur optisch prunkvoller, sondern auch technisch moderner präsentierte als sein Vorgänger. In seinem Innern gab es nämlich ein besonderes „Kamellesystem“. Das Wurfmaterial lag zum Werfen in offenen Kisten bereit, die mit einer Art Laufband nach oben transportiert wurde. Der Prinz und sein Gefolge brauchten nur noch zuzupacken. Groß der Jubel überall, wo Jungfrau Martina I., Bauer Hubert und Prinz Markus I. auf seiner rot-goldenen Weltkugel vorbeifuhren. So viel Spaß an d’r Freud, so viel strahlendes Lachen – das steckte einfach an. Weit über eine Million Jecke sind von einem wunderschönen Zoch gebützt worden. |
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Ein
wenig erschöpft, aber glücklich über einen tollen Rosenmontagszug
endete der Tag in unserem Casino Hotel Coellner Hof am Hansaring. Gestärkt
mit einem Abendessen ging es in die letzte Feierrunde. Präsident
Detlef Kramp hielt seine Rede kurz und bedankte sich bei allen für
diesen wunderschönen Tag. Ein großes Dankeschön ging an
alle Aktiven, aber ganz besonders an Gruppenwart Markus Otrzonsek, alle
Läufer und Läuferinnen sowie den Wagenengeln. Für uns kölsche
Jecke ist am Aschermittwoch nun wieder alles vorbei. In vielen Veedeln
geht vielerorts der Karneval mit der Nubbelverbrennung zu Ende. Brennen
soll er: Als Sündenbock muss der Nubbel herhalten für die Fehltritte
der Jecken. Sünden ade! Die Narren drehen auf – nicht nur im Rheinland, sondern auf der ganzen Welt. Und viele Narren haben sogar noch mehr Puste als wir. Vielerorts ist es Aschermittwoch noch nicht vorbei. So in Basel, Nizza, Kopenhagen, Venedig und Teneriffa. |
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Fotos:
Bernhard Vosen, Claus Adams, Thomas Zygmann
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Text:
Georg Steinhausen |
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| ©2010 G.K.G. Greesberger e.V. Köln von 1852 | |